Kolumbiens Politik überschlägt sich in der Dürre mit mehr oder weniger ernsthaften Tipps für Verbraucherïnnen. Die Industrie lässt sie eher in Ruhe.

Zwei Männer tragen einen gelben Eimer mit Wasser.

Zurzeit ein rares Gut: Wasserschleppen in der Gemeinde La Calera im Nordosten Bogotás Foto: Fernando Vergara/ap

BOGOTÁ taz | Der kurioseste Vorschlag kam diese Woche von Kolumbiens Präsident Gustavo Petro: Wer könne, möge doch bitte übers Wochenende Bogotá verlassen. Damit andere Wasserquellen belastet und die Trinkwasser-Reserven der Hauptstadt geschont würden.

Fragt sich nur, wohin. Das Problem betrifft schließlich nicht nur Bogotá. Weite Teile des Landes erleben gerade eine Dürre. An der Karibikküste sind im ausgetrockneten Schwemmland tausende Fische gestorben. Wenn man sich die Karten des staatlichen Instituts für Hydrologie, Meteorologie und Umweltstudien anschaut, ist ein Großteil des Landes mit Warnungen wegen Waldbrandgefahr und Dürre überzogen.

Im Rest häufen sich die Warnungen vor Überflutung. Doch was es braucht, um die Reservoirs zu füllen, ist stetiger Regen. Kurzum: Um der Bitte des Präsidenten nachzukommen, müssten die Bogotanos wohl übers Wochenende an die Pazifikküste fliegen.

El Niño, Klimakrise und Dürre haben den Pegel der beiden wichtigsten Stauseen fürs Trinkwasser der Hauptstädterinnen auf ein Rekordtief sinken lassen. Seit gut einer Woche wird in einem der neun Sektoren der Hauptstadt plus Umland jeweils im Wechsel für 24 Stunden das Wasser abgestellt. Rund zehn Millionen Menschen sind betroffen.

Damit soll der Verbrauch von 17 auf höchstens noch 15 Kubikmeter pro Sekunde gesenkt werden, also um mehr als 11 Prozent. Doch wurde dieses Ziel bis Freitag nur ein einziges Mal erreicht. Der Verbrauch stieg zwischenzeitlich sogar. Appelle haben nicht gereicht.

Die große Duschdebatte

Jetzt kommen die Strafen – zumindest ein bisschen: Wohngebäude, die am Spartag ihre Wassertanks auf dem Dach benutzen, drohen jetzt Geldstrafen. Haushalte, die mehr als 22 Kubikmeter monatlich verbrauchen, müssen künftig erhöhte Preise zahlen. Ausgenommen sind unter anderem Krankenhäuser, Heime und anscheinend auch Einrichtungen in Wohnhäusern, die gemeinsam genutzt werden. Die Formulierung ist schwammig. Da könnte vermutlich auch ein Gemeinschaftspool vom Wassersparen ausgeschlossen sein.

Als wäre Schlangestehen nicht auch ohne Dürre schon langweilig genug: Warten auf Wasser in La Calera

Foto: Fernando Vergara/ap

Die öffentliche Debatte dreht sich vor allem ums Duschen. Das braucht laut städtischem Wasseranbieter EAAB bis zu 12 Liter Wasser pro Minute. Kolumbien ist neben Brasilien und Mexiko das Land, in dem sich die Menschen am häufigsten duschen, heißt es in den Nachrichten. Ein- bis zweimal am Tag ist nicht unüblich. An dieser kulturellen Bastion lässt sich nicht rütteln, wenn man den Moderatoren im Radio Glauben schenken darf. Nur jeden zweiten oder dritten Tag duschen? Das machen doch nur diese Ferkel in Europa!

Die anfängliche Empfehlung von Dusch-Liedern von maximal fünf Minuten Länge erscheint allerdings mittlerweile vielen Kolumbianerïnnen als zu lasch. Sie peilen jetzt 3 Minuten an. Bogotás Bürgermeister Carlos Fernando Galan rief in der vergangenen Woche schon dazu auf, doch zu zweit zu duschen („nur duschen“, schob er später nach), wurde zum Social-Media-Hit, wenn auch bislang nicht zum Wassersparwunder.

Vieles bleibt weiter freiwillig. Die Industrie wird ausgespart. Zwar entfallen laut dem städtischen Wasseranbieter EAAB 90 Prozent des Konsums auf die Haushalte. Aber Potenzial wäre da.

Die Stadt wäscht seit Neuestem ihre Busse außen nur noch einmal pro Woche statt täglich. Das verspricht auch der private Taxianbieter Taxis Libres und will dadurch täglich 68.000 Liter einsparen – sofern die Fahrerïnnen mitspielen, die die Autos waschen. Ein Spediteur hatte dasselbe ebenfalls groß angekündigt. Das zeigt auch: Ein sparsamer Umgang mit der Ressource Wasser war bisher die Ausnahme.

Bald könnte auch Strom rationiert werden

Die Stauseen in Kolumbien haben drei Aufgaben: Trinkwasser, Stromerzeugung und Wasser für die Landwirtschaft. Wenn es so weiter geht, erreicht Kolumbien in spätestens sechs Tagen ein kritisches Niveau, sagte am Freitag der Präsident der Energieerzeuger-Vereinigung (ANDEG), Alejandro Castañeda.

Die Stauseen waren da nur noch zu 28,5 Prozent gefüllt. Fällt der Pegel unter 27 Prozent, muss Strom rationiert werden. Es müsse dringend regnen, sagt Castañeda. Kolumbien hat vor Kurzem alle Strom-Exporte nach Ecuador eingestellt.

Das Nachbarland erlebt bereits, was Kolumbien droht: trockene Stauseen und Stromausfälle, dazu kein Wasser. Die Stromausfälle verstärken die politische Krise im Land – und werden beim Referendum diesen Sonntag eine wichtige Rolle spielen. Präsident Daniel Noboa will sich per Referendum noch mehr freie Hand sichern – angeblich gegen das organisierte Verbrechen. Dazu zählt er auch Korruption und Misswirtschaft in der Energiebehörde.

Der Plan: Daheimbleiben

Ähnlich wie in Ecuador mischen sich in Kolumbien Wasser, Energie und Politik. Ecuador hatte Donnerstag und Freitag per Dekret den Arbeitstag suspendiert – zum Stromsparen. Betroffen waren fast alle Behörden, aber auch Schulen und Kindergärten. Donnerstagnachmittag kündigte Kolumbiens Präsident Petro für Freitag einen nationalen „Bürgertag“ an: Daheimbleiben, um Wasser und Strom zu sparen.

Allerdings klinkten sich einige Städte aus – allen voran Bogotá. Petro hatte seinen Bürgertag weder mit Stadt noch Hauptstadtdistrikt abgesprochen. Der Präsident der Energieerzeuger-Vereinigung zweifelt sowieso an der Wirkung eines solchen Tages: Dann würden die Menschen statt im Büro daheim Strom und Wasser verbrauchen.

Kolumbiens Umwelt- und Energieministerium haben diese Woche einen 15-Punkte-Plan gegen die Energierkrise vorgestellt – um sich für den Endspurt von El Niño zu rüsten. Dieses Wochenende soll es endlich regnen. Doch das reicht nicht. Bürgermeister Galán hat schon durchblicken lassen, dass die Rationierungen ein Jahr dauern könnten.





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