Im August 1993 war die Welt noch in Ordnung. Um die Bürger aus den neuen Bundesländern politisch besser zu integrieren, suchte der seinerzeitige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) einen geeigneten Kandidaten für die Nachfolge von Bundespräsident Richard von Weizsäcker im darauffolgenden Jahr. Mehrere christdemokratische Spitzenpolitiker machten ihn auf Steffen Heitmann aufmerksam. Dafür gab es viele Gründe. So ist Heitmann stets ein Gegner des SED-Regimes gewesen. Er verweigerte den Dienst in der Nationalen Volksarmee, studierte Theologie und machte zusätzlich eine Ausbildung zum Kirchenjuristen. Als Oberkirchenrat der sächsischen lutherischen Landeskirche gehörte er zu den tonangebenden Christen in der Bürgerrechtsbewegung in Dresden.

Nach dem Sturz der Diktatur berief der erste sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) den zunächst parteilosen Heitmann 1990 zum Justizminister. Er wurde der Vater der sächsischen Verfassung. Kohl war derart von ihm angetan, daß er ihn Ende August 1993 als Kandidaten der Union für das Amt des Bundespräsidenten vorschlug. Aufgrund der Stimmenverhältnisse galt seine Wahl als sicher. Doch sie alle hatten nicht damit gerechnet, daß Heitmann – gestählt von Erfahrungen in der SED-Diktatur – seine konservativen Positionen auch weiterhin mutig vertrat.

Folgenschweres Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“

Das konnte auch zu Zeiten einer von CDU/CSU und FDP geführten Bundesregierung nicht gutgehen. Am 18. September 1993 – also vor 30 Jahren – druckte die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit ihm ab, bei dem kein Tabu ausgelassen wurde. Dabei äußerte Heitmann zur multikulturellen Gesellschaft: „Diesen Begriff halte ich als Programm für falsch. Eine multikulturelle Gesellschaft kann man nicht verordnen, sie kann allenfalls wachsen.“

Zur Nation meinte er: „Mich erschreckt der Begriff nicht, mich schreckt nur sein Mißbrauch.“ Hochbrisant und entsprechend kritisiert wurden seine Ansichten zur nationalsozialistischen Zeit: „Ich glaube, daß der organisierte Tod von Millionen Juden in Gaskammern tatsächlich einmalig ist – so wie es viele historisch einmalige Vorgänge gibt … Ich glaube aber nicht, daß daraus eine Sonderrolle Deutschlands abzuleiten ist bis ans Ende der Geschichte. Es ist der Zeitpunkt gekommen – die Nachkriegszeit ist mit der deutschen Einheit endgültig zu Ende gegangen –, dieses Ereignis einzuordnen.“

Als daraufhin ein medialer Aufschrei erfolgte, bezeichnete die Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt Heitmanns Meinung als etwas Selbstverständliches. Warum der Zentralrat der Juden ihm vorwarf, antisemitische Vorurteile zu fördern, war prominenten Juden wie Pinchas Lapide und Michael Wolffsohn unbegreiflich. Ein Jahr später verteidigte ihn sogar Martin Walser.

Die Union hielt an ihrem Kandidaten Heitmann fest

Heitmann eckte auch an, als er die Bedeutung der Mutter für die Erziehung von Kindern hervorhob, nachdem es zu DDR-Zeiten üblich war, schon Kleinstkinder in der Tageskrippe abzugeben, was oft negative Folgen hatte. Er wandte sich gegen Abtreibungen, da auch das ungeborene Kind ein Recht auf Leben habe. Er bekannte, täglich zu beten und bezeichnete die Zehn Gebote als wichtig für eine grundlegende Erneuerung Deutschlands. Nach all diesen Äußerungen brach ein Sturm der Entrüstung in linksorientierten Medien wie Stern, Zeit, Spiegel und weiten Teilen des Fernsehens los. Die Häme war grenzenlos. In der ARD-Satiresendung „Nachschlag“ hieß es beispielsweise, an die Mutter Heitmanns adressiert, sie hätte besser mit einer Abtreibung diesen Bundespräsidenten verhindert.

Trotzdem hielt die Union an Heitmann fest. Am 3. Oktober wurde er als Kandidat vom CDU-Bundesvorstand nominiert. Jetzt ging die Hatz gegen Heitmann erst recht los. Obwohl laut Umfragen große Teile der Bürger seine Ansichten teilten (zwischen 64 und 78 Prozent je nach Thema), gab er gegen den ausdrücklichen Wunsch von Kanzler Kohl am 25. November auf. Wie sollte er auch als Bundespräsident bestehen können, wenn er schon vor seiner Wahl so unfair bekämpft wurde? Roman Herzog wurde schließlich der neue Bundespräsident.

14 Tage nach Heitmanns Rückzug „unterbot die Süddeutsche alle“, so der Mediendienst Rundy. Um ihre Gegnerschaft zu Heitmann zu demonstrieren, ist sie sich nicht zu schade, auf dem Titelblatt ihres damaligen Magazins Heitmanns Gesicht in einer Weise zu verzerren, als ob er ein KZ-Schlächter wäre. Zu Recht urteilte Rundy damals, dies sei „ganz im Stil der NS-Postille Stürmer“ gewesen.

Für Helmut Kohl ein „ungeheurer Vorgang in der deutschen Geschichte“.

Kanzler Kohl bezeichnete die Kampagne gegen Heitmann als einen „ungeheuren Vorgang in der deutschen Geschichte“. Der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba meinte, Heitmann sei von den Medien „auf grausamste Weise zerstückelt worden“. Heitmann blieb bis 2000 Justizminister und bis 2009 Abgeordneter im Sächsischen Landtag.

Ende 2015 trat er aus der CDU aus. In einem Brief an die damalige Vorsitzende Angela Merkel begründete er seinen Entschluß mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, die dafür verantwortlich sei, daß „täglich Tausende Ausländer, überwiegend junge Männer islamischer Religion“ nach Deutschland strömten. Er beendete seinen Brief mit den Worten: „Ich habe mich noch nie – noch nicht einmal in der DDR – so fremd in meinem Land gefühlt.“

Am 14. April verstarb Heitmann nach einer schweren Parkinson-Erkrankung. Am Telefon bekannte er: „Ich weiß nicht, warum Gott mir das zumißt. Aber ich vertraue ihm.“



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