Myawaddy/Mae Sot. Plötzlich ist der Konflikt in Myanmar zwischen Militär und Rebellen auch für Thailand nicht mehr nur ein weit entfernter Krieg. Seit Wochen wird nun auch direkt an der Grenze gekämpft. Immer wieder fliehen Tausende vorübergehend vor Gefechten und Luftangriffen der Militärjunta ins sichere Nachbarland. Dort patrouillieren nun Soldaten und gepanzerte Armeefahrzeuge. Auf der myanmarischen Seite geht es um die Kontrolle des wichtigen Handels- und Glücksspielpostens Myawaddy, der nur durch einen Fluss vom thailändischen Städtchen Mae Sot getrennt ist.

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Die Unruhe zeigt sich auch auf politischer Ebene: Erst vor wenigen Tagen reiste der thailändische Außenminister Parnpree Bahiddha-nukara in Begleitung des Innen- und des Verteidigungsministers nach Mae Sot. Es war bereits der zweite Besuch Parnprees in dem Grenzort innerhalb weniger Tage.

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Im Vielvölkerstaat Myanmar regieren seit dem Militärputsch Februar 2021 Generäle mit eiserner Faust; sie haben die damals entmachtete Regierungschefin Aung San Suu Kyi ins Gefängnis gesperrt. Seit Oktober gerät die Herrschaft der Militärjunta allerdings immer stärker unter Druck, seit ethnische Rebellengruppen eine militärische Offensive gegen die Generäle in Gebieten nahe der chinesischen Grenze gestartet hatten. Nun ist der Konflikt auch viel näher an Thailand herangerückt, als der Regierung in Bangkok lieb ist.

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Generäle im früheren Birma wollen um keinen Preis nachgeben

Am 12. April, dem Tag nach der Übernahme des wirtschaftlich und strategisch wichtigen Myawaddy durch ein Rebellenbündnis rund um die KNLA (Karen National Liberation Army), hatte Thailands Außenminister noch vor einer Eskalation gewarnt. „Wir wollen Frieden in Myawaddy sehen, nicht nur wegen des Handels, sondern auch, weil es unser Nachbar ist“, sagte er. „Wir wollen nicht, dass es zu weiterer Gewalt kommt.“

Ein thailändischer Soldat steht am Moei-Fluss auf thailändischer Seite unter der 2. thailändisch-myanmarischen Freundschaftsbrücke in Mae Sot in der thailändischen Provinz Tak. Der thailändische Außenminister sagte zuletzt, er habe die Militärbehörden Myanmars aufgefordert, nicht gewaltsam auf den Verlust einer wichtigen Grenzhandelsstadt durch die Armee des Landes an die Gegner zu reagieren.

Ein thailändischer Soldat steht am Moei-Fluss auf thailändischer Seite unter der 2. thailändisch-myanmarischen Freundschaftsbrücke in Mae Sot in der thailändischen Provinz Tak. Der thailändische Außenminister sagte zuletzt, er habe die Militärbehörden Myanmars aufgefordert, nicht gewaltsam auf den Verlust einer wichtigen Grenzhandelsstadt durch die Armee des Landes an die Gegner zu reagieren.

Gleichzeitig bot er eine Vermittlerrolle der thailändischen Regierung an. Im Gespräch ist auch, wichtige Mitglieder der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean, darunter Indonesien und den derzeitigen Asean-Vorsitz Laos, einzubeziehen. Dabei geht es nicht nur um Frieden, sondern auch ums Geld. Denn jeder Tag, an dem der wichtige Handel zwischen Myawaddy und Mae Sot unterbrochen ist, bedeutet millionenschwere Verluste, wie die unabhängige Denkfabrik „Institut für Strategie und Politik – Myanmar“ (ISP-Myanmar) vorrechnete.

Die Rebellen-Allianz hatte zuvor die Garnison des 275. Infanterie-Bataillons vier Kilometer westlich von Myawaddy eingenommen und damit alle Armeeposten in der Stadt besetzt. Die Generäle im früheren Birma wollen aber um keinen Preis nachgeben.

Militär soll innerhalb von zwei Tagen 130 Bomben über Myawaddy abgeworfen haben

Da sie in den vergangenen Monaten bereits in mehreren Landesteilen schwere Verluste einstecken mussten und keine weitere Demütigung hinnehmen wollten, reagierten sie mit massiven Luftangriffen auf Myawaddy und umliegende Dörfer. Denn die Truppen in der Stadt zu verstärken ist problematisch, da es nur eine größere Zufahrtsstraße gibt und diese von Rebellen überwacht wird.

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Seit dem frühen 20. April soll das Militär innerhalb von zwei Tagen 130 Bomben über Myawaddy abgeworfen haben, berichteten Mitglieder der KNLA. Dabei sollen nach unbestätigten Berichten mindestens zehn Zivilisten ums Leben gekommen sein – die genaue Zahl ist unklar. „Es war, als würde es Bomben vom Himmel regnen. Wir hatten solche Angst“, sagte ein Anwohner, der 23-jährige Saw Htoo, der Deutschen Presse-Agentur. Wie viele andere floh er vorübergehend nach Thailand – der sonst so geschäftige Handelsposten Myawaddy war plötzlich nahezu verwaist.

Am Mittwoch zogen sich die Rebellen nun in einem nach eigenen Angaben strategischen Manöver zunächst aus der Stadt zurück. Wer dort gerade die Kontrolle hat, ist unklar. „Das Militär hat gedroht, die ganze Stadt zu zerstören, und ich glaube, dass sie diese Drohung wahr machen“, sagte ein Kommandeur der KNLA. Das Rebellenbündnis habe entschieden, abzuwarten und derzeit vor allem Junta-Truppen zu stoppen, die versuchten, Myawaddy zu erreichen.

Macht der Junta nimmt ab

In dieser extrem undurchsichtigen Lage zeichnet sich eines ab: „Die Junta hat nicht mehr die volle Kontrolle über das Land, und ihre Macht nimmt ab“, wie ein politischer Analyst aus Myanmar erläutert, der anonym bleiben will. Derzeit kontrollierten die Generäle – obwohl die Junta laut der Denkfabrik Crisis Group über beträchtliche Luftstreitkräfte und Distanzwaffen verfügt – nur noch die Hauptstadt Naypyidaw und größere Städte wie Yangon und Mandalay. Viele wichtige Handelsposten an den Grenzen zu China, Indien und Thailand seien hingegen in Rebellenhand. „Das ist die Realität“, sagt der Experte.

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Darauf reagiert das Militär immer wieder mit Luftangriffen: Erst am Donnerstagabend starben bei einem Luftangriff auf ein Krankenhaus in der Stadt Mindat im Chin-Staat an der Grenze zu Indien mehrere Menschen, viele weitere wurden schwer verletzt. In dem Gebiet kämpft seit drei Jahren die Chinland Defence Force gegen die Junta – und kontrolliert die Region heute teilweise.

Auch die Menschen in Myawaddy leben mittlerweile in ständiger Angst. Viele harren nachts am Ufer des Flusses Moei aus, um im Ernstfall schnell auf die thailändische Seite fliehen zu können. „Wir können nichts anderes tun, als die Situation genau zu beobachten“, erzählte Saw Htoo, der mittlerweile wieder mit seiner Mutter nach Myawaddy heimgekehrt ist, wo die Familie einen Laden betreibt. „Wir sind nie sicher, was als Nächstes passieren wird.“

RND/dpa



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